Sonntag, 29. Oktober 2023

Judentum

Versuche zur Entkrampfung
Mein Bezug zum Judentum


 Seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle ist das Thema Antisemitismus nicht mehr wirklich aus den Nachrichten verschwunden, und in Sicherheitskreisen fragt man sich permanent, wie jüdische Einrichtungen bei uns noch wirksamer geschützt werden könnten. In allen Medien bohrt man aber auch tiefer nach, was denn die Ursachen für die zunehmende Judenfeindlichkeit bei uns sein könnten und wie man sie effektiv bekämpfen könnte. Als dann im Frühjahr 2021 im Nahen Osten die militärischen Kämpfe zwischen der Hamas und ihren Anhängern auf der einen Seite und den israelischen Sicherheitskräften auf der anderen wieder bedrohlich eskalierten, tat sich auch der Riss wieder auf, der an diesem Konflikt die Gesellschaft in Deutschland und Europa spaltet. Geschürter, blinder Hass gegen Juden entlud sich ebenso sichtbar, wie andererseits israelkritische Demonstranten sogleich undifferenziert dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt wurden. Auch wenn ich mir absolut nicht anmaßen will, im komplexen Nahostkonflikt eine auch nur halbwegs gerechte Beurteilung abzugeben, will ich in den folgenden Passagen doch subjektiv darlegen, wie sich in mir das Bewusstsein für das Judentum herausgebildet hat und wie sich meine Sicht darauf in meinen unterschiedlichen Lebensabschnitten entwickelt hat. Ansprechen will ich auch die ziemlich begrenzten Möglichkeiten zu Kontakten mit Juden und zu einem unverkrampften, tabufreien Gedankenaustausch mit ihnen.  


Betrieb ich früher positive Diskriminierung?

Als Nachgeborener aus dem einstigen Tätervolk tue ich mir nämlich generell mit Objektivität etwas schwer, zumal sich bei diesem Thema religiöse, ethnische und politische Aspekte kaum trennen lassen. Fest steht jedoch, dass ich bereits am Anfang meiner politischen Bewusstwerdung ganz stark das von Politik und Medien vermittelte besondere Verantwortungsgefühl gegenüber den Opfern des Holocausts und ihren Nachkommen verinnerlicht hatte. In der Schule wurde diese Haltung auch vielfach über Literatur untermauert, etwa durch Paul Celans Todesfuge. Und aus dieser Verpflichtung heraus entwickelte ich auch bald große, fast blinde Sympathien für den jungen Staat Israel, was beispielsweise im Sechs-Tage-Krieg bei mir besondere Anteilnahme und Bewunderung (David gegen Goliat) ausgelöst hat. Etwas später erwachte in mir auch ein respektvolles Interesse an der jüdischen Religion, das jedoch - das will ich gerne zugeben - nicht sehr in die Tiefe ging. Immerhin sah ich in einem Martin Buber ein bewundernswertes humanistisches Vorbild, ohne viel von seinen Schriften gelesen und verstanden zu haben. Später fand ich durchaus auch Gefallen am jüdischen Humor eines Ephraim Kishon, und in besonderer Weise berühren mich bis heute Musicals und Filme aus dem jüdischen Milieu in Amerika oder solche, die in einem osteuropäischen Schtetl spielen (Yentl, Anatevka). Ebenso höre ich mir gerne jiddische Lieder an, was allerdings auch ein wenig mit dem speziellen Interesse eines Sprachwissenschaftlers zu tun hat.  


Nur seltene Erfahrungen mit Antisemitismus

Aus innerem Antrieb bezog ich schon früher immer unmissverständlich Stellung, wenn in meinen Kreisen Witze, abfällige Bemerkungen oder alte Vorurteile über Juden vorgebracht wurden. Daran hat sich nie was geändert. Ich kann mich jedoch nur an einen krassen Fall von erlebter Judenfeindlichkeit erinnern. Bei einem einmaligen Besuch bei einem Augsburger Facharzt stellte dieser im Gespräch einen für mich unverständlichen Gegensatz her zwischen meiner doch so sinnvollen Tätigkeit als Dialektforscher und der in seinen Augen so schlimmen Tendenz zur Judaisierung der Welt. Ansonsten kann ich ehrlicherweise behaupten, dass etwa an meinen Stammtischen ähnliche Aussprüche nur ganz selten vorkamen und vorkommen. Von daher bin ich doch auch ein wenig verwundert über die momentan einhellig verbreitete Einschätzung vom wachsenden Judenhass.


Eine fast rührende Episode

Nur selten bin ich in meinem Leben wissentlich Juden begegnet, mit denen ich eingehend und unverkrampft über ihre Identität und Weltsicht diskutieren konnte. Eine solche Begegnung haftet aber noch sehr stark in meiner Erinnerung und kann bei mir immer ein Schmunzeln auslösen: Während eines Urlaubs auf der Insel Mykonos gab sich an einem bei Schwulen besonders beliebten Strand ein Franzose mir gegenüber schon bald als Jude zu erkennen. Meine überaus neugierigen Fragen zu seiner Identität als schwuler und nicht-religiöser Jude in Frankreich beantwortete er nicht nur ungewöhnlich offen und bereitwillig, sie beeindruckten ihn auch erkennbar und weckten in ihm offensichtlich ein deutlich emotionales Interesse an mir, das er jedoch sehr dezent beherrschte. Als wir aber am Abend vor unserer Abreise auf der Terrasse eines Lokals in einem größeren Kreis bei klassischer Musik den Sonnenuntergang genossen, überreichte er mir zum Abschied einen wunderschönen Blumenstrauß und stammelte dazu eine Art erwartungsloser Liebeserklärung. Diese für mich bis dahin unvorstellbare Geste hat mich in dieser Runde zwar etwas peinlich berührt, gerührt hat sie mich aber dennoch.


Versuch einer nüchternen Betrachtung

In meinen jungen Jahren konnte ich mir noch ganz und gar nicht vorstellen, dass die Nachkommen der einstigen Opfer auch ihrerseits zu bösen Taten fähig sein könnten. Und doch, irgendwann konnte auch ich die Augen nicht mehr davor verschließen, dass allein die Gründung des jüdischen Staates zahlreiche Angehörige eines dort ansässigen Volkes zu unschuldigen Opfern gemacht hatte. Dass dies wiederum in der weiteren Folge viel Unfrieden, Krieg und Terror in Nahost und weltweit hervorgebracht hat, ist wohl unbestritten, auch wenn - wie ich schrieb - ich mir in diesem vielschichtigen Konflikt keine klaren Schuldzuweisungen erlauben will. Wenn ich aber in jüngerer Zeit die fortgesetzte aggressive Siedlungstätigkeit orthodoxer Juden im Westjordanland erleben muss, die fast immer staatlich geduldet war und dann sogar, mit Rückendeckung der Trump-Regierung, legalisiert wurde, dann macht mich das wütend und traurig zugleich; denn damit werden die einzig realistischen Pläne zu einer Friedenslösung in Nahost zu einer reinen Illusion. Betroffen macht mich zudem, dass man sich bei uns allein durch kritische Äußerungen zur arroganten Annexionspolitik der israelischen Regierung bei unseren jüdischen Mitbürgern hier sehr leicht dem Verdacht aussetzt, eine antisemitische Gesinnung in sich zu tragen.

Fazit: Auch wenn ich keineswegs zu jenen Zeitgenossen zähle, denen die permanente Erwähnung des Holocausts Unbehagen bereitet und die von den anderen Kriegsverbrechen der Deutschen am liebsten nichts mehr hören wollen, muss ich doch eingestehen, dass im Bezug zum Judentum auch in mir immer noch ein Rest von Verkrampftheit lebendig ist.   

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