Dienstag, 24. Oktober 2023

Homo homini lupus

 Alle Menschen werden Brüder ...

Gegensätzlicher könnten die Aussagen nicht sein: Auf der einen Seite die schon seit der Antike von Philosophen aufgestellte Behauptung, dass der Mensch dem anderen Menschen ein Wolf sei, und ganz konträr dazu die humanistisch-idealistische Träumerei von der Verbrüderung aller Menschen. Die alltäglich wahrnehmbare Realität in Europa und der Welt sieht bei nüchterner Betrachtung ebenfalls sehr zwiespältig aus. 


Eine ungewöhnlich lange Friedensperiode ...

... durften wir in Mitteleuropa seit 1945 erleben, zumindest vordergründig, was ja auch schon ein großer Erfolg ist, wenn wir es mit den Epochen davor vergleichen. Wir können uns - wenn wir mal von den Corona-Beschränkungen absehen - nahezu ungehindert in fast ganz Europa frei bewegen und uns dabei weitgehend darauf verlassen, ohne Schikanen von der Polizei und den anderen Autoritäten in den Nachbarländern wie Einheimische behandelt zu werden. Auch wenn die einstige Euphorie für ein vereintes Europa längst verflogen ist und in vielen Ländern die national-egoistischen Interessen wieder stärkeren Zuspruch erfahren, nehmen wir doch die gebotenen Freiheiten und Vorteile wie selbstverständlich hin. Für ebenso selbstverständlich sehen wir es an, dass etwa zur Urlaubszeit in ganz Europa auf Autobahnen und Straßen sowie in Camping-Stellplätzen sich Fahrzeug mit ganz unterschiedlichen Länder-Kennzeichen tummeln. Und an den großen Stränden nimmt man problemlos das Gewirr von vielen unterschiedlichen Sprachen hin und bedient sich gerne ungewöhnlicher Möglichkeiten zur  Verständigung, auch um Sympathie und Respekt zu bekunden. Die Zahl der Ewig-Gestrigen, die immer noch meinen, nur die Angehörigen der eigenen Nationalität verhielten sich im Straßenverkehr korrekt und würden sich in Hotels, Restaurants und am Strand anständig verhalten, nimmt Gott-sei-Dank mehr und mehr ab. 


Jugoslawien als Warnsignal

Das Beispiel des zerfallenen Jugoslawien könnte jedoch auch als Warnsignal gedeutet werden. Ich erinnere mich gut, dass ich früher Menschen aus dem damals noch funktionierenden Vielvölkerstaat gerne nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit befragte, ob sie etwa Slowenen, Serben oder Kroaten seien, was meist eine widerwillige Reaktion ausgelöst hat und nur ungern beantwortet wurde. Man sei einfach Jugoslawe, ließ man mich oft wissen. Ebenso klar war, dass man von den Karawanken bis zur griechischen Grenze etwa einen Sieg der jugoslawischen Fußball-Nationalmannschaft genauso uneingeschränkt bejubelte, wie es im übrigen Europa üblich war. Und als starke Personen-Klammer in diesem Staat fungierte noch weit über seinen Tod hinaus der legendäre Kommunisten-Führer Jozip Broz Tito

Doch die Entwicklung ging, wie wir wissen, in eine ganz andere Richtung: Die Teilrepubliken strebten nach Loslösung von Belgrad und von dem so dominierenden Serbien, was schließlich zu den ungewöhnlich brutal ausgetragenen Unabhängigkeits-Kriegen führte. Die ethnisch-sprachlichen Gegensätze verstärkten sich noch, als sich die religiösen Bindungen verstärkten und immer bestimmender wurden. Dazu kam, dass viele Religionsführer auf allen Seiten, anstatt zum Frieden zu ermahnen, Hass schürten und zum Kampf aufriefen. Dabei zerbrachen auch zuvor friedlich zusammen lebende Dorfgemeinschaften und ließen sich von den Scharfmachern ihrer jeweiligen Gruppe zum Kampf auf engstem Raum aufstacheln. 

Das ernüchternde Ergebnis ist bekannt: Neben den zu EU-Mitgliedern aufgestiegenen Nachfolgestaaten Slowenien und Kroatien, die inzwischen bilateral schon wieder heftig über Seerechte und anderes gestritten haben, kann sich das verbliebene Serbien nicht so recht entscheiden, ob es seine Zukunft in Europa oder an der Seite Russlands suchen soll. Außerdem existiert seit dem Dayton-Abkommen von 1995 mehr schlecht als recht ein ethnischer und religiöser Flickenteppich als kompliziert organisierter Staatsverband Bosnien und Herzegowina. Und der nur teilweise als unabhängig anerkannte Kosovo sucht irgendwie als muslimisch-albanisch geprägter Staat eine Zukunft und zeigt noch keine große Bereitschaft, den verbliebenen Serben ihre Minderheiten-Rechte zuzugestehen.    

Fazit: Der Frieden und das freie Leben, das wir in Mitteleuropa zur Zeit (noch) genießen können, ist keineswegs so selbstverständlich und so gesichert, wie wir gerne glauben wollen.   

    

 



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen